Die Sturzflut im Himalaya: Was wir wissen, was offen ist, was hilft

|Anton Förster
4,500 Metres Down: Making Sense of the Nepal Flood

Seit Tagen denke ich darüber nach, ob wir etwas zur Katastrophe in Nepal sagen können und ob man von hier aus überhaupt etwas tun kann. Ich habe ein paar Tage gebraucht, um das selbst zu sortieren. Hier ist, was ich inzwischen verstanden habe.

Was ist im Himalaya passiert?

Am Mittwoch, den 26. August, gegen 8:37 Uhr Ortszeit brach an der Nordflanke des Langtang Lirung ein Teil der Bergflanke samt Gletscher ab. Der Berg ist mit 7.234 Metern der höchste der nepalesischen Langtang-Region und liegt direkt an der Grenze zu Tibet. Der Gletscher lag auf rund 5.200 Metern. Millionen Tonnen Fels und Eis stürzten talwärts und zerfielen dabei zu einem Gemisch aus Schlamm, Wasser, Eis und Geröll. Seismometer in den USA und in Deutschland registrierten den Abbruch zunächst als Erdbeben.

Woher die gewaltigen Wassermassen kamen, ist bis heute nicht geklärt. Es wird für möglich gehalten, dass sich Gletscherseen entleert haben. Ich stelle es mir so vor: ein unsichtbarer See, über Jahrzehnte durch die Schmelze gewachsen, und der Gletscher davor wie eine Staumauer – bis der Druck zu groß wurde. Dieses Bild hilft mir nur zu begreifen, wie aus einem Bergsturz eine Flut wird.

Die Flut lief auf rund 80 Kilometern etwa 4.500 Höhenmeter hinab, durch enge Täler bis zu dem Ort Trishuli Basar. Eine Vorwarnung gab es nicht. Fast niemand hatte eine Chance, wegzulaufen. Genau deshalb sorgen die Bilder vor allem für Schock und Hilflosigkeit, und genau deshalb ist das Ausmaß so schwer zu fassen.

Was mich daran beschäftigt

Das Wissen um den Ablauf hat mich zugleich erschüttert und in einem Punkt erleichtert.

Erleichtert, weil es eine räumlich eng begrenzte Katastrophe ist. Im Talgrund wurde alles mitgerissen – aber die höher gelegenen Siedlungen und Weideflächen sind verschont geblieben.

Erschüttert, weil es dort, wo die Flut durchging, anders als bei einem Erdbeben kaum Hoffnung auf Überlebende gibt. Es gibt keine Trümmerräume, unter denen jemand wartet. Über 2.400 Menschen gelten als vermisst, auf chinesischer Seite weitere rund 550 und die Opferzahlen gehen bereits jetzt in die Tausende. Viele Familien werden nie Gewissheit bekommen.

Und dann ist da die Infrastruktur. Genau am Fluss stand, was gebraucht wird: Wasserkraftwerke, Frischwasserleitungen, Brücken, Märkte, Schulen, Gemeindegebäude und Straßenverbindungen. In einigen Tälern liegt das gemeinschaftliche Leben unten am Wasser.

Nach ersten Schätzungen der Vereinten Nationen brauchen rund 10.000 Haushalte humanitäre Hilfe. UNICEF spricht von über 17.000 betroffenen Kindern.

Wie groß die Schäden auf der tibetischen Seite sind, ist unklar. Dort liegen weniger Dörfer, entsprechend dürfte die Zahl der Opfer niedriger sein.

Die Koordination läuft diesmal deutlich stärker über die nepalische Regierung und die Behörden als noch beim Erdbeben 2015. Damals verpufften viele Hilfsangebote, weil es keine zentrale Stelle gab, die sie zusammenführte. Bei einer so fokussierten Katastrophe halte ich das für den richtigen Weg – auch wenn es bedeutet, dass wir von außen weniger direkt eingreifen können.

Und Changthang?

Diese Frage kam mehrfach, deshalb kurz: Unseren tibetischen Nomadenfreunden geht es gut. Die Region Langtang liegt rund 900 Kilometer Luftlinie von dem Teil Changthangs entfernt, in dem sie leben – etwa die Distanz Hamburg–München. Wir haben Kontakt.

Wo Hilfe jetzt ankommt

Die großen Such- und Bergungsmaßnahmen können wir mit kleinen Spenden praktisch nicht beeinflussen. Dort sind tausende Einsatzkräfte im Feld, und die Regierung organisiert das selbst.

Was mich umtreibt, sind die Kinder. Schulen sind weggerissen, Familien auseinandergerissen, und es wird Kinder geben, die ihre Eltern verloren haben. Für sie beginnt die schwierige Zeit erst, wenn die Kameras wieder weg sind. Deshalb halte ich langfristig angelegte Unterstützung gerade jetzt für das Sinnvollste, was wir tun können.

SOS-Kinderdörfer sind seit Ende der 1960er Jahre in Nepal aktiv und setzen sich seit den 1970ern im Pokhara-Tal auch für tibetische Familien ein. Auch in Changthang haben viele Nomadenkinder ihre Schulbildung nur durch SOS bekommen – das habe ich selbst erlebt, und es ist der Grund, warum ich dieser Organisation vertraue. Ein SOS-Team prüft derzeit die Lage in den betroffenen Distrikten und bereitet Hilfe vor.

Plan International erfasst mit lokalen Partnern gerade die Auswirkungen. Schwerpunkt sind sauberes Trinkwasser, Hygiene und der Wiederaufbau von Schulen.

Zum Schluss

Ich habe zwei Grafiken angehängt: eine zeigt die Entfernung zwischen dem Langtang Lirung und dem Tso Moriri in Changthang, die andere, wie steil die Flut durch die engen Täler abging.

Jetzt hoffe ich vor allem, dass die Seen, die sich neu gebildet haben, keinen weiteren Schaden anrichten. Und dass sich diese Region schneller erholt, als es im Moment vorstellbar ist.

Herzliche Grüße,
Anton

Anton Förster, Geschäftsführer der Local Brands worldwide GmbH

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